Zur Arbeit der Wolkenschieber gehört auch die Begleitung von Jugendlichen. Es geht darum sie nicht allein zu lassen und zu versuchen, sie in ihrem Trauerprozess zu verstehen. In diesem zweiteiligen Artikel möchten wir unterschiedliche Aspekte bei der Begleitung von trauernden Jugendlichen aufzeigen.
Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, gerät die Welt ins Wanken. Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Jeder Verlust führt zunächst zu einer Verunsicherung. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, Zukunftspläne verändern sich und vertraute Beziehungen fehlen plötzlich. Stirbt ein geliebter Mensch oder eine wichtige Bezugsperson, kann dies zu einer tiefen Instabilität führen – manchmal sogar zu einer existenziellen Krise.
Für Jugendliche stellt ein Todesfall häufig eine besondere Herausforderung dar. Sie befinden sich ohnehin in einer Lebensphase, die von Veränderungen, Unsicherheiten und Orientierungssuche geprägt ist. Der Verlust eines Elternteils, eines Geschwisters, eines Freundes oder einer anderen wichtigen Bezugsperson trifft sie daher in einer Zeit, in der viele Fragen bereits offen sind.
Trauernde Jugendliche werden jedoch oft missverstanden. Sie wirken nach außen nicht immer traurig, sprechen selten offen über ihre Gefühle und versuchen häufig, ihren Alltag möglichst normal weiterzuführen. Gerade deshalb ist es wichtig, ihre besondere Situation besser zu verstehen.
Trauer trifft auf eine ohnehin unsichere Lebensphase
Jugendliche stehen vor zentralen Entwicklungsaufgaben. Sie suchen nach ihrer Identität und ihrem Platz in der Welt. Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wie möchte ich sein?“, „Woran möchte ich mich orientieren?“ oder „Wie soll mein Leben aussehen?“ begleiten diese Lebensphase.
Bereits ohne Verlusterfahrung erleben viele Jugendliche ihren Alltag als herausfordernd. Sie müssen Entscheidungen treffen, Beziehungen gestalten, schulische Anforderungen bewältigen und ihren eigenen Weg finden. Kommt nun ein schwerer Verlust hinzu, erhöht sich diese Grundbelastung erheblich.
Hinzu kommt, dass Jugendliche heute in einer Welt aufwachsen, die von vielfältigen Krisen geprägt ist. Kriege, politische Konflikte, die Folgen des Klimawandels oder wirtschaftliche Unsicherheiten gehören für viele junge Menschen zum täglichen Nachrichtenbild. Viele erleben die Zukunft nicht als selbstverständlich sicher. Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt findet daher häufig vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Unsicherheiten statt.
Auch familiäre Belastungen sind keine Seltenheit. Trennungen, Scheidungen, Patchwork-Konstellationen oder das Aufwachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil prägen die Lebensrealität vieler Jugendlicher. Ein weiterer schwerer Verlust kann bestehende Unsicherheiten verstärken und die Stabilität des Familiensystems zusätzlich erschüttern.
Das Todesverständnis von Jugendlichen
Anders als jüngere Kinder verfügen Jugendliche über ein voll ausgeprägtes Todesverständnis. Sie begreifen die Unwiderbringlichkeit und Endgültigkeit des Todes. Sie wissen, dass Verstorbene nicht zurückkehren und dass der Verlust dauerhaft bleibt.
Gleichzeitig setzen sie sich häufig intensiv mit existenziellen Fragen auseinander. Sie denken über den Sinn des Lebens nach, über Gerechtigkeit, über Sterblichkeit und über mögliche Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod. Ein Todesfall kann solche Gedanken verstärken und die eigene Sicht auf die Welt nachhaltig verändern.
Besonders einschneidend ist der Tod eines Elternteils. Jugendliche machen sich in dieser Situation häufig Sorgen um die Zukunft der Familie, um finanzielle Sicherheit oder um den verbleibenden Elternteil. Fragen wie „Wer kümmert sich jetzt um uns?“, „Was wird aus unserer Familie?“ oder „Wie soll es weitergehen?“ können zu erheblichen Belastungen werden.
Dabei unterschätzen viele Jugendliche zunächst die Auswirkungen eines solchen Verlustes. Sie halten sich für stark, unabhängig und belastbar. Das entspricht ihrem Wunsch, erwachsen zu wirken und Verantwortung zu übernehmen. Nicht selten versuchen sie deshalb, ihre Gefühle zu kontrollieren oder den Eindruck zu vermitteln, alles im Griff zu haben. Erst Wochen oder Monate später wird sichtbar, wie sehr sie der Verlust tatsächlich erschüttert hat.
Zwischen Ablösung und Orientierungslosigkeit
Eine Besonderheit des Jugendalters besteht darin, dass viele junge Menschen sich zunehmend von ihren Eltern lösen. Während jüngere Kinder ihre Eltern oft als wichtigste Vorbilder erleben, hinterfragen Jugendliche deren Ansichten und Werte. Sie entwickeln eigene Vorstellungen und suchen nach neuen Orientierungspunkten.
Wenn in dieser Phase ein Elternteil stirbt, kann dies die ohnehin bestehende Orientierungslosigkeit verstärken. Jugendliche verlieren dann nicht nur einen geliebten Menschen, sondern häufig auch einen wichtigen Bezugspunkt für ihre persönliche Entwicklung.
Die Ablösung von den Eltern wird dadurch nicht aufgehoben, sondern komplizierter. Manche Jugendliche reagieren mit verstärktem Rückzug, andere übernehmen früh Verantwortung für die Familie oder versuchen, besonders stark zu erscheinen.
Für Erwachsene wirkt dieses Verhalten manchmal widersprüchlich. Tatsächlich spiegelt es oft den Versuch wider, mit einer Situation umzugehen, die die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt.
Die besondere Bedeutung von Freundschaften
Im Jugendalter gewinnen Gleichaltrige zunehmend an Bedeutung. Freundschaften werden wichtiger als zuvor, und viele persönliche Gespräche finden nicht mehr innerhalb der Familie statt, sondern im Freundeskreis.
Auch Trauer wird deshalb häufig mit engen Freundinnen und Freunden geteilt. Jugendliche vermeiden nicht selten Gespräche mit ihren Eltern, weil sie diese nicht zusätzlich belasten möchten. Besonders nach dem Tod eines Elternteils versuchen viele, den verbleibenden Elternteil zu schonen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Freundschaften alle Bedürfnisse auffangen können. Nicht jeder Jugendliche verfügt über enge oder belastbare Beziehungen. Und selbst gute Freundinnen und Freunde stoßen manchmal an ihre Grenzen. Viele trauernde Jugendliche haben bisher nur wenige schwere Verlusterfahrungen gemacht. Die existenzielle Erschütterung durch den Tod eines Elternteils, Geschwisters oder engen Freundes übersteigt oft die Erfahrungen ihres sozialen Umfeldes.
Deshalb bleiben verlässliche Erwachsene wichtige Bezugspersonen – auch dann, wenn Jugendliche dies nicht immer offen zeigen.
Warum trauernde Jugendliche häufig missverstanden werden
Viele Erwachsene erwarten, dass Trauer sichtbar sein müsse. Sie gehen davon aus, dass ein trauernder Mensch traurig wirkt, viel weint und über seine Gefühle sprechen möchte. Jugendliche entsprechen diesem Bild jedoch häufig nicht.
Sie trauern meist nicht dauerhaft sichtbar. Vielmehr wechseln sie zwischen Phasen intensiver Trauer und Momenten scheinbarer Normalität. Sie können nach der Schule antriebslos und tieftraurig auf ihr Bett sinken und am Abend mit Freunden lachen. Sie können sich an einem Tag zurückziehen und am nächsten scheinbar unbeschwert wirken.
Dieser Wechsel ist kein Zeichen mangelnder Trauer. Vielmehr handelt es sich um einen wichtigen Schutzmechanismus. Jugendliche benötigen Pausen von ihrer Trauer, um psychisch nicht überfordert zu werden.
Hinzu kommt, dass Trauer sich oft anders zeigt als erwartet. Manche Jugendliche reagieren mit Wut statt mit Traurigkeit. Andere wirken desinteressiert oder gleichgültig. Wieder andere stürzen sich in Aktivitäten, Sport oder digitale Medien, um sich abzulenken.
Rückzug wird häufig als Ablehnung oder Desinteresse missverstanden. Tatsächlich dient er oft dazu, Gefühle zu ordnen oder sich vor weiteren Belastungen zu schützen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Trauerreaktionen den typischen Veränderungen der Pubertät ähneln. Stimmungsschwankungen, Konflikte mit Erwachsenen, Rückzug oder Gereiztheit können sowohl Ausdruck der Entwicklung als auch Ausdruck von Trauer sein.
In einem 2.Teil wird es um erwartbare Trauerreaktionen bei Jugendlichen gehen und darum was trauernde Jugendliche selbst wünschen und wie Bezugspersonen sie unterstützen können.
Diesen Artikel schrieb Linda Hüllbrock, die hauptamtlich bei den Wolkenschiebern mitarbeitet.
Titelbild: iStockphoto/Olga Yastremska




