Stefanie Höfler stellt in ihrem Kinderbuch „Der große schwarze Vogel“ ein Gedicht von Rose Ausländer voran. Es bereitet die Leser auf Abschied und Tod vor und ist auch ein Gedicht über das Leben. Der Titel des Buches bezieht sich auf einen realistischen Abschnitt: „Der Tod ist wie ein Flügelschlag, hatte Ma einmal gesagt. Sie liebte solche Sprüche. Wie der Flügelschlag von einem großen schwarzen Vogel, der vorbeifliegt und sein Schatten fällt kurz auf die, die darunter sind…“
Davor: Eine glückliche Erinnerung
Im ersten kursiv gedruckten Kapitel, überschrieben mit „Davor“, erzählt der 14-jährige Ben von seiner ersten bewussten Erinnerung als Vierjähriger an seine wilde, fröhliche Mutter, die in einem Kastanienbaum geklettert war, um Kastanien für ihn herunterzuwerfen. „Dabei glitzerte an ihr alles vor Freude.“
Trauer und Abschied
Der Roman erstreckt sich über 17 Kapitel bzw. den Zeitraum von acht Tagen. Zwischen diesen Kapiteln sind weitere kursiv gedruckte Kapitel. Ben erzählt darin von Erinnerungen, die er an seine Mutter hat und von Erlebnissen mit seinem Bruder, dem Freund Janus und einer Mitschülerin.
Als der 14-jährige Ben an einem sonnigen Oktobersonntag erwacht, muss er miterleben, wie sich im Zimmer nebenan Sanitäter darum bemühen, die bisher lebenslustige Mutter nach einem Herzstillstand wiederzubeleben. Doch leider bleibt bei der gerade 45-jährigen auch ein mehrfacher Defibrillator-Einsatz erfolglos. Bens Vater ist völlig schockiert; er verfällt in tiefe Lethargie und ist nahezu unfähig, all die jetzt notwendigen Schritte zu erledigen. Auch für Ben ist es furchtbar mit ansehen zu müssen, wie der Arzt den Totenschein ausstellt und die Männer des Bestattungsinstituts die Leiche der Mutter aus dem Haus tragen. Und er muss auch noch die unangenehmen Fragen der Kriminalpolizei über sich ergehen lassen.
Freundschaft, Wut und Neubeginn
Auf eigenen Wunsch geht er dennoch bereits am nächsten Tag wieder zur Schule, wohl wissend, dass er die Aufmerksamkeit seiner Schulklasse auf sich zieht und sich vielleicht neugierigen Fragen stellen muss. Doch immerhin steht ihm sein Freund Janus tröstend zur Seite. Auch eine Mitschülerin Lina zeigt Interesse an Ben. Später entwickelt sich daraus eine zarte Liebesgeschichte. Beide verbindet ein hartes Schicksal: Linas Bruder liegt nach einem Unfall seit Monaten im Koma. Lina sieht sich als „Expertin für den Tod“.
Bens sechsjähriger Bruder Krümel hat seine eigene Art, mit dem Tod der Mutter umzugehen. Er baut beispielsweise ein kleines Mausoleum und bricht mit Bens Hilfe in die Friedhofskapelle ein, um den Sarg, in dem die Mutter liegt, ringsherum bunt anzumalen. Die Beerdigung gerät zu einem bedrückenden Vorfall. Der Vater widerspricht den salbungsvollen Worten des Grabredners und verlässt den Friedhof. Später zerstört er auch noch das Ehebett mit einer Axt. Auch in Ben entwickelt sich eine große Wut auf die Mutter, die die Familie verlassen hat. Trotzdem findet die kleine Restfamilie nach und nach wieder in den Alltag zurück.
Fazit
Mit ihrem Roman „Der große schwarze Vogel“ hat sich Stefanie Höfler sehr behutsam und mit großem Einfühlungsvermögen dem Thema Tod und dessen Bewältigung gewidmet. „Der große schwarze Vogel“ mit seinem sehr berührenden Text dürfte vor allem hilfreich sein für jugendliche Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die realistische Erzählung aus der Sicht des 14-jährigen Ben berührt und stimmt die Leserinnen und Leser nachdenklich. Trotz des schwierigen Themas gelingt es der Autorin, eine gewisse Leichtigkeit in den Text unterzubringen. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet das Buch als „ein literarisches Juwel“. Wolfram Kleinemas schrieb diese Rezension. Er ist seit vielen Jahren Mitarbeiter bei den Wolkenschiebern.

Stefanie Höfler:
Der große schwarze Vogel: Roman
Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74678-8




