Lass mich (nicht) allein – trauernde Jugendliche verstehen Teil 2

Lass mich (nicht) allein – trauernde Jugendliche verstehen Teil 2

Nachdem im 1. Teil des Artikels die entwicklungsgeschichtliche Situation der Jugendlichen dargestellt wurde, geht es nun um erwartbare Trauerreaktionen, um eigene Wünsche trauernder Jugendlicher und um mögliche Unterstützung. Trauer verläuft individuell. Dennoch gibt es Reaktionen, die nach einem Verlust häufig auftreten und zunächst als normale Bestandteile eines Trauerprozesses angesehen werden können.

Erwartbare Trauerreaktionen

Dazu gehören:

  • Weinen und tiefe Traurigkeit
  • Antriebslosigkeit und Erschöpfung
  • Rückzug von Familie oder sozialen Aktivitäten
  • verstärkte Ängste und Sorgen
  • Wut, Gereiztheit oder rebellisches Verhalten
  • scheinbares Desinteresse
  • ein starker Drang nach Ablenkung
  • ein verstärktes Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit
  • erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Schamgefühle
  • Schuldgefühle
  • Gefühle der Erleichterung, bspw. nach einer langen Krankheitsphase des Verstorbenen

Gerade Schuld- und Schamgefühle beschäftigen viele Jugendliche. Sie fragen sich, ob sie etwas hätten anders machen können oder ob sie dem Verstorbenen gegenüber immer fair gewesen sind.
Auch Erleichterung wird häufig als belastend erlebt. Wenn ein Mensch lange schwer krank war, können Jugendliche Erleichterung darüber empfinden, dass das Leiden beendet ist. Viele erschrecken über diese Gefühle und halten sie für unangemessen. Tatsächlich gehören widersprüchliche Emotionen oft zum normalen Trauerprozess.

Der Wunsch nach Normalität

Eine wichtige Besonderheit jugendlicher Trauer ist der Wunsch, möglichst normal weiterzuleben.
Viele Jugendliche möchten nicht auffallen und keine Sonderrolle einnehmen. Sie wollen weiterhin Teil ihrer Klasse, ihrer Sportmannschaft oder ihres Freundeskreises sein. Sie möchten nicht ausschließlich über ihre Trauer definiert werden.
Schule, Hobbys, Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte bieten Orientierung und Stabilität. Sie helfen dabei, den Alltag aufrechtzuerhalten und Momente der Entlastung zu erleben.
Manche Erwachsene interpretieren dieses Bedürfnis nach Normalität als Verdrängung. Häufig ist jedoch das Gegenteil der Fall: Gerade die Möglichkeit, zeitweise nicht an den Verlust denken zu müssen, unterstützt die Verarbeitung der Trauer.
Jugendliche brauchen daher sowohl Raum für ihre Gefühle als auch die Erlaubnis, unbeschwerte Momente zu erleben.

Was Bezugspersonen tun können

Eltern, Großeltern, Lehrpersonen und andere Fachkräfte müssen Trauer nicht lösen. Sie können den Verlust nicht ungeschehen machen. Was Jugendliche jedoch dringend benötigen, sind verlässliche Erwachsene, die präsent bleiben.
Hilfreich ist es,

  • Gesprächsangebote zu machen, ohne Druck auszuüben.
  • aufmerksam zuzuhören, statt vorschnell Ratschläge zu geben.
  • unterschiedliche Gefühle zuzulassen und nicht zu bewerten.
  • Rückzug nicht automatisch als Ablehnung zu verstehen.
  • weiterhin Interesse am Alltag der Jugendlichen zu zeigen.
  • Freundschaften und Freizeitaktivitäten zu unterstützen.
  • Geduld mit wechselnden Gefühlen und Verhaltensweisen zu haben.
  • bei Bedarf Schule, Ausbildungsbetrieb oder andere Bezugspersonen einzubeziehen.

Oft genügt bereits die Botschaft: „Du musst das nicht allein schaffen. Ich bin da, wenn du mich brauchst.“

Wann zusätzliche Hilfe sinnvoll ist

Die meisten Jugendlichen finden mit Unterstützung ihres Umfelds einen Weg, mit ihrer Trauer zu leben. Dennoch gibt es Situationen, in denen professionelle Hilfe sinnvoll oder notwendig sein kann.

Besorgniserregende Anzeichen sind insbesondere:

  • anhaltender Rückzug, Aggressivität oder Teilnahmslosigkeit über mehrere Wochen
  • chronische Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit, die länger als einen Monat bestehen
  • deutlicher Leistungsabfall in der Schule über die anfängliche Trauerphase hinaus
  • Kontaktabbruch zum Freundeskreis
  • Anzeichen von Selbstverletzungen
  • ausgeprägt riskantes Verhalten

In solchen Situationen sollte nicht gezögert werden, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Fazit

Jugendliche trauern anders, als Erwachsene häufig erwarten. Ihre Trauer ist oft widersprüchlich, wechselhaft und von außen schwer erkennbar. Sie bewegen sich zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Rückzug, zwischen tiefer Traurigkeit und dem Versuch, den Alltag aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig trifft ein schwerer Verlust auf eine Lebensphase, die ohnehin von Orientierungssuche, Unsicherheit und Veränderung geprägt ist. Jugendliche brauchen deshalb keine perfekten Antworten auf ihre Fragen. Sie brauchen Menschen, die aufmerksam bleiben, ihre Reaktionen nicht vorschnell bewerten und ihnen verlässlich zur Seite stehen.
Sie brauchen vor allem verlässliche Beziehungen, Orientierung und die Gewissheit, dass Unterstützung verfügbar ist – auch dann, wenn sie diese nicht unmittelbar einfordern.

Diesen Artikel schrieb Linda Hüllbrock, die hauptamtich bei den Wolkenschiebern mitarbeitet.

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